Andreas Urschitz, Chief Marketing Officer bei Infineon Technologies, ist seit 30 Jahren Teil des Unternehmens und hat zahlreiche technologische Lösungen vorangetrieben, um die Dekarbonisierung und Digitalisierung zu gestalten. Infineons Energieeffizienztechnologien ermöglichen Einsparungen entlang der elektrischen Energieumwandlungskette, von der grünen Energieerzeugung über verlustfreie Übertragung, bis hin zu geringerem Verbrauch. Er war immer der festen Überzeugung, dass die technische Entwicklung nicht Selbstzweck sein, sondern das Leben verbessern, die Zukunft der Menschheit schützen sowie die Welt sicherer und lebenswerter machen sollte. Andreas Urschitz ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat früh gelernt, wie wichtig es ist, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.
Herr Urschitz, Sie sind auf einem Bauernhof in Österreich aufgewachsen und haben selbst in der Landwirtschaft gearbeitet. Inwiefern hat Sie diese Herkunft geprägt – und welchen Einfluss hat sie noch heute auf Ihre Haltung zu Verantwortung und Nachhaltigkeit?
Andreas Urschitz: Meine Herkunft und die Erfahrungen auf dem elterlichen Hof haben mich in vielerlei Hinsicht nachhaltig geprägt. Wenn man in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufwächst und arbeitet, lernt man von klein auf, Verantwortung zu übernehmen – für die Tiere, die Natur und die Gemeinschaft, die davon abhängig ist. Es gibt wenig Pausen und keine Ausreden, wenn es um die Aufgaben auf dem Hof geht. Diese Haltung – Verantwortung nicht nur zu tragen, sondern als elementaren Bestandteil des täglichen Lebens zu akzeptieren – prägt mich bis heute. Dazu gehört auch, langfristig zu denken, Entscheidungen bewusst zu treffen und die Konsequenzen für Mensch und Umwelt immer im Blick zu behalten.
Nachhaltigkeit war im sehr klein strukturierten, landwirtschaftlichen Umfeld kein abstraktes Konzept, sondern gelebte Realität. Ressourcen wie Wasser, Boden und Energie waren keine Selbstverständlichkeiten, sondern wertvolle Güter. Es war immer klar: Was wir heute säen, werden wir morgen ernten – im positiven wie im negativen Sinne. Diese Denkweise prägt meine Haltung sowohl bei strategischen Entscheidungen im Unternehmen als auch im Umgang mit Menschen bis heute.
Inwiefern hatte Ihre frühe Verbindung zur Natur später Einfluss auf Ihre Entscheidung, in einem technologiegetriebenen, aber nachhaltigkeitsorientierten Umfeld zu arbeiten?
Andreas Urschitz: Die Natur zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass alles miteinander verknüpft ist: Jede Entscheidung hat direkte oder indirekte Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Das wurde für mich auf dem elterlichen Hof schnell greifbar. Befeuert durch den Klimawandel zum Beispiel verbreiteten sich Borkenkäfer immer schneller in den umliegenden Wäldern und richteten dort enorme Schäden an.
Das war ein prägendes Erlebnis. Mir war schnell klar: Dagegen muss ich etwas tun, und Technologie war die Lösung. Technologie und Natur mögen auf den ersten Blick wie Gegensätze erscheinen, doch ich sehe darin eine enorme Chance: Technologie ist wesentlicher Bestandteil, um nachhaltige Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln. Sie kann aber nicht die Verantwortung von uns Menschen ersetzen.
Sie haben Ihre Karriere 1995 in einem Bereich des Siemens-Konzerns begonnen, der 1999 erfolgreich als Infineon ausgegliedert wurde. Heute sind Sie als Chief Marketing Officer Teil des Vorstands und feiern Ihr 30-jähriges Firmenjubiläum. Wenn Sie auf diese drei Jahrzehnte zurückblicken: Welche Erfahrungen, Meilensteine oder Wendepunkte haben Sie auf Ihrem Weg persönlich und beruflich am stärksten geprägt?
Andreas Urschitz: Schon als Jugendlicher hatte ich den Wunsch, eines Tages unternehmerisch zu arbeiten. Mich faszinierte die Idee, etwas Eigenes aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und durch kreative Lösungen Dinge voranzubringen. Diese Leidenschaft für unternehmerisches Denken war schließlich auch für meine spätere Berufswahl ausschlaggebend. Der Einstieg bei Infineon bot mir eine ideale Möglichkeit, in einem innovativen Umfeld Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig schnell Verantwortung zu übernehmen.
Begonnen habe ich am Standort in Villach, schon damals ein für Infineon zentraler Innovations- und Fertigungsstandort. Dort konnte ich schnell viele Eindrücke gewinnen und bald erste Führungsaufgaben übernehmen. Das war eine prägende Zeit für Infineon. Rückblickend war es spannend, hautnah mitzuerleben, wie das Unternehmen sich neu erfinden konnte, und vor allem auch selbst zur erfolgreichen Positionierung von Infineon beizutragen.
Im Jahr 2012 übernahm ich als Division President Power & Sensor Systems die Leitung eines zentralen Geschäftsbereichs. Schließlich wurde ich 2022 Mitglied des Vorstands von Infineon und Chief Marketing Officer. Diese Rolle bringt nicht nur viel Verantwortung mit sich, sondern auch die Gelegenheit, als Teil des Vorstandsteams die Strategie von Infineon weiterzuentwickeln – eine Aufgabe, die mir viel Freude macht.
Infineon zählt weltweit zu den führenden Halbleiterherstellern. Wo kommen Ihre Produkte konkret zum Einsatz und welchen Beitrag leisten sie zur Nachhaltigkeit?
Andreas Urschitz: Ob in der Elektromobilität, bei erneuerbaren Energien, intelligenten und leistungsfähigen Stromnetzen oder der Künstlichen Intelligenz: Die Mikroelektronik ist eine Schlüsseltechnologie für die digitale und grüne Transformation, und damit auch für nachhaltiges Wachstum. Infineon ist die klare Nummer 1 bei Leistungshalbleitern und ein führender Technologiepartner für intelligente, energieeffiziente und sichere IoTLösungen Unsere Leistungshalbleiter, Sensoren, Mikrocontroller, verbunden mit passenden Software- und Sicherheitslösungen, sind entscheidende Bausteine für die Dekarbonisierung und die Digitalisierung.
Einige Beispiele: Wir unterstützen die Transformation der Automobilindustrie hin zu Elektromobilität und autonomem Fahren. Damit tragen wir zur Reduzierung von CO₂-Emissionen im Verkehrssektor und zu höherer Sicherheit bei. Unsere Leistungshalbleiter machen aber auch Solaranlagen, Windkraftwerke und Energiespeichersysteme effizienter. Wir liefern die notwendige Leistung für große Rechenzentren, insbesondere für Künstliche Intelligenz, und wir ermöglichen unseren Kunden den Einsatz von KI in Geräten wie dem Smartphone (Edge-AI).
Unsere Produkte bringen einen erheblichen ökologischen Nettonutzen. Während ihres Einsatzes bei unseren Kunden ermöglichen sie die Einsparung von rund 130 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten – ungefähr so viel, wie die Niederlande pro Jahr emittieren. Das ist das 45-Fache dessen, was bei der Herstellung der Produkte anfällt. Kurzum: Wir verbinden Innovation mit Verantwortung und schaffen so die Grundlage für eine nachhaltigere und lebenswertere Zukunft.
Ihre Unternehmensbotschaft lautet „We drive decarbonization and digitalization. Together“. Was steckt dahinter?
Andreas Urschitz: Unsere Vision „We drive decarbonization and digitalization. Together.“ vereint den Kern dessen, wofür Infineon als Unternehmen steht: technologische Innovation zu nutzen, um die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit anzugehen – die Klimakrise und die digitale Transformation. Diese Botschaft ist nicht nur ein Leitmotiv, sondern auch eine klare Positionierung und Verpflichtung, die unsere Werte und unser Handeln auf den Punkt bringen. Sie ist die Grundlage unseres Markenkerns, der die Rolle von Infineon als Vorreiter und Gestalter in einer vernetzten, nachhaltigen Welt beschreibt.
Der Zusatz „Together“ bringt eine entscheidende Dimension unserer Markenidentität zum Ausdruck: Partnerschaft und Zusammenarbeit. Wir wissen, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit – Dekarbonisierung und Digitalisierung – nicht von einem Unternehmen allein gelöst werden können. Es braucht ein globales Ökosystem aus Partnern, Kunden, Wissenschaft, Start-ups und der öffentlichen Hand, um nachhaltige Fortschritte zu erzielen. Infineon versteht sich als Brücke zwischen diesen Akteuren, als „Enabler“, der nicht nur Technologien bereitstellt, sondern auch die Zusammenarbeit fördert, um Innovationen schneller und wirkungsvoller umzusetzen.
Dieses Jahr markiert unser 25-jähriges Jubiläum als unabhängiges, börsennotiertes Unternehmen. Mit unseren Halbleiterlösungen tragen wir entscheidend dazu bei, echten Mehrwert zu schaffen – für Menschen, für die Umwelt, für die Gesellschaft. Darum geht es auch in unserer 25-Jahre-Kampagne. Darin kommen Kunden, Mitarbeitende und Nutzer unserer Lösungen zu Wort, und teilen ihre Geschichten unter dem Motto: „Why Infineon matters to me.“
Innovation braucht nicht nur mutige Entscheidungen, sondern auch Strukturen. Wie gelingt es Ihnen, die Bereitschaft zum Wandel aufrechtzuerhalten – bei sich selbst und in Ihren Teams?
Andreas Urschitz: Für mich beginnt Innovation mit der eigenen Haltung. Offen für Neues zu sein und den Wandel vorzuleben, ist essenziell. Ich hinterfrage langwierige Prozesse, versuche kontinuierlich dazuzulernen und so eine Kultur zu schaffen, die Neugier und Mut fördert. „Dare to dare“ – das Richtige tun und dafür einzustehen, selbst wenn es auf Widerstände stößt – das ist mein Credo.
Außerdem bin ich ein Fan davon, Entscheidungen zügig im Kreis relevanter Personen zu fällen. Hinzu kommt die Anwendung der 80/20-Regel auf der Grundlage kalkulierter Risiken. Das wiederum erfordert aber auch, dass Entscheidungen regelmäßig hinterfragt werden. Es braucht den Mut, schnell umzulenken, falls sich der eingeschlagene Weg als falsch erweist. Kalkulierte Risiken bedeuten dabei, dass man sich fragt: „Was ist der Worst Case, und kann ich negative Auswirkungen eingrenzen, wenn ich rechtzeitig korrigiere?“ Falls das möglich ist, dann sollte man die 80-Prozent-Lösung wählen.
Welche Innovation aus Ihrem Unternehmen hat Sie zuletzt besonders beeindruckt – und wie kam es zur Entwicklung dieser Idee?
Andreas Urschitz: Infineon hat in den vergangenen Jahrzehnten den Markt für Mikrocontroller für Automotive-Anwendungen entscheidend geprägt. Bereits um die Jahrtausendwende präsentierte das Unternehmen den ersten Mikrocontroller basierend auf der revolutionären TriCore-Architektur. Seitdem haben wir unsere Mikrocontroller-Portfolio immer mehr ausgeweitet. Heute bieten wir mit der Aurix TC4x Produktfamilie eine industrieführende Lösung an. Wir sind mittlerweile Weltmarktführer für Mikrocontroller, größter Zulieferer für Automotive-Chips insgesamt und Mitgestalter modernster Architekturen für softwaredefinierte Fahrzeuge.
Ein weiteres Beispiel für herausragende Innovationen: Im vergangenen Jahr ist es uns gelungen, die weltweit erste 300-mm-Galliumnitrid (GaN)-Wafer-Technologie für die Leistungselektronik zu entwickeln. Wir sind das erste Unternehmen weltweit, das diese bahnbrechende Technologie in einer bestehenden, skalierbaren Hochvolumenfertigung beherrscht. Damit werden wir den Markt für GaN-basierte Stromsparchips deutlich vorantreiben. Diese bahnbrechenden Entwicklungen markieren einen echten Meilenstein in der Leistungshalbleiterindustrie und zeigen eindrucksvoll, wie wir bei Infineon technologische Grenzen verschieben, um den steigenden Anforderungen an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit gerecht zu werden.
Die Bedeutung von Mikrochips wächst rasant – ob in Smartphones, Autos oder Haushaltsgeräten. In welchen neuen Anwendungsfeldern sehen Sie künftig ein besonders großes Potential für den Einsatz von Chips?
Andreas Urschitz: Halbleiter sind eine Querschnittstechnologie – sie werden überall gebraucht. Aber wir rechnen damit, dass der Halbleiterbedarf insbesondere in fünf Anwendungsfeldern dauerhaft und stark wachsen wird. Dazu gehört die Elektromobilität, bei der unsere Chips elektrische Antriebe, Batteriesysteme und Ladeinfrastrukturen effizienter machen und damit die Transformation hin zu einer klimafreundlichen Mobilität vorantreiben. Gleichzeitig bringt der Trend zu softwaredefinierten Fahrzeugen Vorteile und eröffnet neue Möglichkeiten. Zum Beispiel können Software-Updates über die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs ohne Werkstattbesuche direkt über die Cloud erfolgen. Die strukturellen Autotrends Elektromobilität und softwaredefinierte Fahrzeuge erhöhen den Halbleiterbedarf pro Fahrzeug deutlich. Wir erwarten, dass der Halbleiterwert in höherwertigen Fahrzeugen bis zum Ende des Jahrzehnts auf bis zu 2500 US-Dollar steigt. Auch der Trend zu erneuerbaren Energien geht weiter. Unsere Chips werden in Solar- und Windkraftanlagen eingesetzt, um die Effizienz der Energieumwandlung zu maximieren. Der globale Bedarf wächst stark. Zudem steigt die Nachfrage nach leistungsfähigen Stromversorgungslösungen in Rechenzentren, insbesondere für KI-Anwendungen. Mit innovativen Stromversorgungslösungen ermöglichen wir rechenintensive KI-Anwendungen. Schließlich verändert das Internet der Dinge (IoT) unseren Alltag – von smarten Geräten bis hin zur Industrie 4.0. Unsere Sensoren, Mikrocontroller und Sicherheitslösungen ermöglichen effiziente, vernetzte und immer intelligentere Anwendungen.
Ohne technologischen Fortschritt werden wir die Klimawende nicht erreichen – dahinter steckt der Glaube an Innovationen. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass entscheidende Erfindungen noch rechtzeitig gelingen werden?
Andreas Urschitz: Ich bin zuversichtlich, dass wir die Klimakrise mithilfe von Technologie und Innovationen lösen können. Die Dynamik im Bereich Forschung und Entwicklung ist groß. In der Vergangenheit hat der technologische Fortschritt immer wieder gezeigt, wie schnell und effektiv Herausforderungen durch Innovationen gemeistert werden können. Die Halbleiterbranche ist ein gutes Beispiel, wie globale Wertschöpfungsketten und Partnerschaften Fortschritte und allen Seiten Vorteile bringen – von der Entwicklung effizienter Chips bis hin zur Umsetzung nachhaltiger Produktionsprozesse. Nie zuvor haben wir ein so enges globales Netzwerk von Experten gehabt, die an nachhaltigen Lösungen arbeiten. Die zunehmende Verfügbarkeit von Technologien wie Künstlicher Intelligenz beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich.
Zudem sehe ich einen klaren gesellschaftlichen Wandel: Nachhaltigkeit ist schon lange kein Nischenthema mehr, sondern steht im Fokus von Investoren, politischen Strategien und unternehmerischem Handeln. Auch wenn es immer wieder Gegenbewegungen gibt – der Trend zur Dekarbonisierung ist nicht aufzuhalten.
In einer Welt rasanter technologischer Umbrüche: Was bleibt aus Ihrer Sicht als Konstante für erfolgreiche nachhaltige Innovationen?
Andreas Urschitz: Fortschritt darf niemals Selbstzweck sein, sondern muss immer darauf abzielen, das Leben der Menschen zu verbessern und gleichzeitig unsere natürlichen Ressourcen zu schonen. Diese Ausrichtung auf den Menschen und die Gesellschaft ist der Schlüssel, um langfristig sinnvolle und nachhaltige Lösungen zu schaffen.
Als Menschen haben wir eine Verantwortung, wie wir Technologie einsetzen und wie wir Innovation gestalten. Jede technologische Entwicklung muss nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und ethisch vertretbar sein. Nachhaltigkeit ist dabei kein zusätzlicher Aspekt, sondern ein integraler Bestandteil. Nur wenn wir von Anfang an die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft berücksichtigen, können wir Fortschritte erzielen, die wirklich zukunftsfähig sind.
In gewisser Weise sehe ich mich heute noch in der gleichen Verantwortung wie damals auf dem Bauernhof: einen Beitrag zu leisten, der nicht nur heute, sondern langfristig eine nachhaltig positive Wirkung zeigt. Bei Infineon arbeiten wir gemeinsam genau daran.
Die Fragen stellte Gregor Vischer.




