Ehrgeizige ESG-Ziele und gesetzliche Vorgaben setzen Industrieunternehmen beim Thema Dekarbonisierung unter Druck. Alles muss auf eine nachhaltige, energieeffiziente Zukunft ausgerichtet werden – von der Stromversorgung und den Produktionsanlagen über die Beleuchtung bis zu Heiz- und Kühlsystemen. Das ist nicht nur technisch ein Kraftakt, sondern auch finanziell. Um die Dekarbonisierung der Fabriken zu beschleunigen, entstehen neue Partnerschaften zwischen Energieversorgungsunternehmen und technischen Dienstleistern.

Der Energiebedarf in vielen Industrien ist hoch, etwa für die Herstellung von Stahl, Aluminium, Chemie oder Zement. In der Automobilindustrie fließt ein Großteil der Energie in energieintensive Prozesse wie Lackierereien, Schweißroboter und Presswerke. Die Produktion eines Fahrzeugs verursacht im Durchschnitt einen Energieaufwand von 3 MWh. Als einer der größten Verursacher globaler Treibhausgasemissionen liegt in der Industrie ein großer Hebel, um den CO₂-Fußabdruck zu verringern und nachhaltigere Praktiken einzuführen.

Für die Dekarbonisierung gibt es zwei wesentliche Treiber

1. Regulatorische Vorgaben

Viele Unternehmen haben eigene ESG-Strategien entwickelt, die aus bestehenden gesetzlichen Vorgaben und politischen Zielsetzungen abgeleitet sind. Ausgangspunkt dafür sind international vereinbarte Klimaziele, die den Rahmen für die Dekarbonisierung der Industrie setzen und über europäische und nationale Regelwerke konkretisiert wurden. Einen zentralen Referenzpunkt bildet das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015, das darauf abzielt, den globalen Temperaturanstieg auf höchstens 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Darauf aufbauend wurde 2019 der European Green Deal verabschiedet und in der Folge in nationale Gesetzgebungen überführt, etwa das Bundes-Klimaschutzgesetz in Deutschland. Ziel der Europäischen Union ist es, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Als Zwischenziel ist eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 vorgesehen. Für einzelne Branchen wurden daraus konkrete regulatorische Anforderungen abgeleitet, die teilweise mit Sanktionsmechanismen bei Nichterfüllung verbunden sind.

2. Änderungen auf dem Energiemarkt

Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung steigt. Laut Umweltbundesamt stammen mittlerweile rund 55 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien, in Europa liegt der Anteil bei 30 Prozent. Dadurch gewinnt die Stabilität des Stromnetzes an Bedeutung, denn mögliche Schwankungen müssen jederzeit ausgeglichen werden können.

Gleichzeitig sind steigende Energiepreise ein Problem für viele energieintensive Industrien. Der Trend geht deshalb zur resilienten Energieversorgung. In vielen Fabriken werden beispielsweise Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen zur eigenen Stromerzeugung installiert sowie Batterieenergiespeichersysteme vorgehalten, um jederzeit eine sichere Stromversorgung für die Produktion zu gewährleisten.

Weniger CO₂ aus den Fabriken

Der Industrie stehen verschiedene Wege offen, um diesen Herausforderungen zu begegnen und Energie einzusparen. Für all diese Maßnahmen gibt es in den Fabriken verschiedene Ebenen, um bei der Dekarbonisierung anzusetzen. Die vier zentralen Strategien:

Ersetzen

  • Wechsel zu umweltfreundlicheren Technologien
  • Fossile Brennstoffe ersetzen (z. B. durch Elektrifizierung)

Reduzieren

  • Den Primärenergieverbrauch reduzieren
  • Digital optimierte Prozesse unterstützen dabei

Recyceln

  • Energie mehr als einmal nutzen und Abwärme wiederverwenden
  • CO2-Emissionen reduzieren

Teilen

  • Den Primärenergieverbrauch reduzieren
  • Intelligente gemeinsame Nutzung von Kühlung und Wärme zwischen Gebäuden

Für das gesamte Werk steht die Modernisierung der Strom- und Wärmenetze inklusive Leitungen, Transformatoren und Wärmeübertragern im Vordergrund. Dadurch lassen sich Leitungsverluste eliminieren. Ergänzt wird der Retrofit häufig durch eine erneuerbare Energieerzeugung vor Ort, zum Beispiel durch Biomasse oder Photovoltaikanlagen.

In Kombination mit Batterieenergiespeicherlösungen, sogenannten Behind-the-Meter-Lösungen, auf dem Werksgelände und smarten Energiemanagementsystemen wird so eine stabile und schwankungsfreie Versorgung sichergestellt, die zudem Energiekosten spart.

In den Industriegebäuden gibt es ebenfalls hohes Einsparpotenzial, etwa durch die Modernisierung von Gebäudemanagementsystemen, Schaltschränken, Sensorik und Panels. Eine wichtige Rolle spielen zudem energieeffiziente Heizungs-, Kühl- und Filtersysteme sowie die Umstellung auf LED-Beleuchtungssysteme. Durchschnittlich entfallen in einer Fabrik rund zehn Prozent des Energiebedarfs auf das Lichtsystem. Werden konventionelle Systeme auf LED umgerüstet, können dadurch bis zu 90 Prozent Energie eingespart werden.

Hinzu kommen Einzelprojekte wie die Installation von Ladesäulen für Elektrofahrzeuge, etwa in der Logistik oder auf Parkplätzen für die Mitarbeitenden. Eines haben alle diese Dekarbonisierungsmaßnahmen gemeinsam: Sie erfordern Investitionen in erheblichem Umfang. Doch gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten werden Maßnahmen, die auf langfristige Net-Zero-Ziele einzahlen, weniger stark priorisiert.

Ein neues Ökosystem rund um Energie

Genau hier setzt ein neues Modell an, das Industrieunternehmen, Energieversorgungsunternehmen und technische Dienstleister zusammenbringt. Die Idee dahinter ist simpel: Energieunternehmen gehen Partnerschaften mit Industriekunden ein, um die Dekarbonisierung voranzutreiben.

Konkret bedeutet dies, dass das Energieunternehmen zukunftsorientierte Modernisierungsprojekte finanziert und damit die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen beschleunigt. Die Industrieunternehmen erhalten im Gegenzug langfristige Energieversorgungsverträge und können ihr Kapital für Investitionen in eigene Kernbereiche einsetzen. Um die technische Umsetzung kümmert sich ein technischer Dienstleister, der elektrische und mechanische Anlagen installiert und wartet und dabei seine langjährige Erfahrung aus Fabriken einbringt.

Die Vorteile für die beteiligten Partner:

  • Industrieunternehmen können ESG-Ziele und gesetzliche Anforderungen erfüllen und verlagern Investitionsausgaben (Capex). Zudem erhalten sie wettbewerbsfähige Strompreise und eine resiliente Versorgungssicherheit.
  • Energieanbieter schließen langfristige Verträge ab, finanzieren die installierten Anlagen und erhalten Investitionssicherheit für die installierten Assets.
  • Der Dienstleister kennt das Werk und den Zustand der Anlagen und kann Leistungen direkt umsetzen, die vom Energieversorger finanziert werden.

Praxisbeispiel: Partnerschaft zwischen Leadec und E.ON

Leadec ist seit mehr als 60 Jahren als technischer Dienstleister für Unternehmen der Fertigungsindustrie tätig. Rund 22.500 Mitarbeitende arbeiten in mehr als 900 Werken in 16 Ländern und übernehmen dort unter anderem Aufgaben an Produktionsanlagen, Gebäuden und Energieinfrastrukturen. Diese Erfahrung bildet die Grundlage für die Analyse und Umsetzung von Energieeffizienz- und Dekarbonisierungsmaßnahmen.

Auch für die eigene Nachhaltigkeitsberichterstattung hat Leadec in den vergangenen Jahren Strukturen und Verfahren entwickelt. Die Green Factory Solutions unterstützen Kunden dabei, ihre Energieeffizienz und Energieautarkie zu erhöhen, die Kreislaufwirtschaft zu fördern und den CO₂-Ausstoß zu reduzieren.

Im März 2026 ist Leadec eine Partnerschaft mit E.ON Energy Infrastructure Solutions eingegangen. Das E.ON-Geschäftssegment für Infrastrukturlösungen ist in mehreren europäischen Ländern tätig und verfügt über Erfahrung in der Planung, Errichtung, dem Betrieb und der Optimierung von Energieinfrastrukturen für Städte und Industrieunternehmen. Das Leistungsspektrum umfasst Wärme-, Kälte- und Stromsysteme. Die Projekte werden auf die technischen Anforderungen der jeweiligen Standorte abgestimmt und unter Berücksichtigung der lokalen Infrastruktur und regulatorischen Rahmenbedingungen umgesetzt.

Gemeinsame Projekte

In dem Modell werden Kenntnisse über Produktionsanlagen und -prozesse mit Kompetenzen in Planung, Finanzierung und Betrieb von Energieinfrastruktur verbunden. Aktuell sind die Partner in Gesprächen mit Kunden über 85 gemeinsame Projekte in Deutschland, Polen, Ungarn, Tschechien und dem Vereinigten Königreich.

Das Portfolio reicht von modernen Energieversorgungssystemen für ganze Produktionsanlagen bis hin zu energieeffizienten Gebäudelösungen und Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge. Aktuelle Schwerpunkte sind BESS und die Modernisierung von Lichtsystemen.

Ein bereits erfolgreich abgeschlossenes Projekt betrifft das BMW-Group-Werk in Debrecen, Ungarn. Auf einer insgesamt rund 510.000 Quadratmeter großen, mit Photovoltaik überdachten Fläche wurden rund 320.000 Quadratmeter Solarmodule installiert. Mit anderen Worten: Auf einer Fläche von rund 320.000 Quadratmetern wurden 71.000 Solarmodule mit einer Gesamtleistung von 43 Megawatt installiert. Das entspricht etwa 70 Fußballfeldern.

E.ON übernahm die Finanzierung, stellte die Paneele bereit und schuf mit dem Power-Purchase-Agreement (PPA) für das Werk langfristige Planungssicherheit. Leadec war unter anderem für die Installation der Photovoltaikanlage auf dem 95.000 Quadratmeter großen Dach des Karosseriewerks verantwortlich, übernahm die AC-Anbindung mehrerer Anlagen sowie den Feuerschutz.


Batteriespeicher gehören zu einem Schwerpunkt der Partnerschaft von Leadec und E.ON. Hintergrund ist der wachsende Anteil erneuerbarer Energien im europäischen Energiesystem: Die EU strebt bis 2030 einen Anteil von 42 Prozent am Gesamtenergieverbrauch und 69 Prozent an der Stromerzeugung an. Da die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt, gewinnen Batterieenergiespeichersysteme (BESS) an Bedeutung. Sie speichern überschüssige Energie und stellen sie bei Bedarf wieder bereit. In der industriellen Energieversorgung können sie dadurch:

  • Lastspitzen glätten
  • Netzengpässe reduzieren
  • die Versorgungssicherheit erhöhen, etwa bei einer „Dunkelflaute“
  • das Netz durch schnelle Frequenzregelung stabilisieren.

Darüber hinaus können BESS Industrieunternehmen die Möglichkeit eröffnen, sich am Arbitragehandel im Strommarkt zu beteiligen.


Markus Bölke ist Global Head of Green Factory Solutions, Sustainability & HSE bei Leadec, einem technischen Dienstleister, der in mehr als 900 Fabriken weltweit tätig ist und Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft in der produzierenden Industrie vorantreibt. Sein Fokus liegt auf Transformation und Business Development. Zuvor war er 15 Jahre lang für BASF in verschiedenen Führungspositionen tätig. Markus Bölke studierte International Business an der Hochschule Reutlingen und erwarb einen MBA an der Washington University in St. Louis, USA.


Christoph Hiesgen ist Head of Business Development bei E.ON Energy Infrastructure Solutions, einem Anbieter integrierter Energielösungen für Städte und Industrie. Seit mehr als 13 Jahren ist er im B2B-Lösungsgeschäft bei E.ON tätig. Sein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung nachhaltiger Infrastrukturlösungen für verschiedene Industriesegmente sowie der Unterstützung der europäischen Gesellschaften bei der Projektentwicklung. Christoph Hiesgen studierte Maschinenbau mit Schwerpunkt Energietechnik an der Ruhr-Universität Bochum und ist seit seinem Abschluss in der Energiewirtschaft tätig.

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