Mosambik, im vergangenen März: Celia Lacedo und ihre drei Kinder stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Kurz zuvor hat Zyklon „Freddy“ das bescheidene Haus der Familie zerstört – so wie viele weitere Häuser an der Küste des südostafrikanischen Landes. Das Ausmaß der Schäden ist verheerend. Durch die heftigen Stürme sind Gebäude und Infrastruktur zerstört. In den ländlichen Gebieten haben Überschwemmungen Ernten vernichtet. Tausende Familien sind von jeder Grundversorgung abgeschnitten. Verunreinigtes Wasser steigert die Gefahr von Krankheiten.
Für die Menschen in Mosambik, einem der ärmsten Länder der Welt, sind Klimakatastrophen wie diese keine Seltenheit. Bereits im Januar 2021 traf hier der Wirbelsturm Eloise auf Land. Knapp zwei Jahre zuvor hatten kurz nacheinander die Zyklone Idai und Kenneth eine Spur der Zerstörung hinterlassen und viele Familien obdachlos gemacht.
Klimakrise trifft Kinder
Celia Lacedo und ihre Kinder sind nach der Katastrophe dringend auf Hilfe angewiesen. Und so wie ihnen geht es unzähligen Familien weltweit. Infolge des Klimawandels werden Wetterextreme häufiger. Die betroffenen Kinder sind am wenigsten für die schon heute auftretenden dramatischen Auswirkungen der Klimakrise verantwortlich. Sie leiden aber am häufigsten und am stärksten unter den Folgen.
Bereits jetzt leben etwa eine Milliarde Kinder – fast die Hälfte der 2,2 Milliarden Mädchen und Jungen weltweit – in einem der 33 Länder, die aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels als „extrem stark gefährdet“ durch klima- und umweltbedingte Schocks gelten. Dies geht aus dem ersten Klima-Risiko-Index für Kinder hervor, den UNICEF 2021 veröffentlicht hat.
Die einzige langfristige Lösung im Kampf gegen den Klimawandel ist die konsequente Senkung der Treibhausgasemissionen. Doch der Bremsweg ist selbst bei raschen Entscheidungen lang. Es muss daher dringend mehr in die Anpassung der Lebensbedingungen von Kindern an die akuten Veränderungen in ihrer Umwelt investiert werden. Wir müssen ihre Widerstandskraft stärken, indem wir ihre Grundversorgung langfristig verbessern und ihnen ermöglichen, zu verstehen und sich darauf vorzubereiten, was in ihrer unmittelbaren Umgebung und mit dem Planeten insgesamt passiert. Der Bedarf wird immer akuter: In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Zahl der Naturkatastrophen wie Wirbelstürme oder Überschwemmungen verfünffacht.
Innovative Partnerschaften nötig
Während weltweit über Klimaziele diskutiert und nach Lösungen zur Reduktion der Emissionen gesucht wird, leiden Kinder also längst unter den Auswirkungen des Klimawandels. Wie können wir besser verhindern, dass extreme Naturereignisse für sie zur Katastrophe werden?
Traditionelle Finanzierungsquellen reichen nicht aus, um den steigenden Bedarf an Hilfsmaßnahmen zu decken. Neue Partnerschaften zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor sowie innovative Ansätze der Finanzierung sind notwendig, um auf den zunehmenden Hilfsbedarf im Katastrophenfall reagieren zu können.
Eine solche Partnerschaft ist Today & Tomorrow: Die UNICEF-Initiative vereint erstmalig die Finanzierung von nachhaltiger Klimaanpassung und Katastrophenvorsorge („Today“) mit einer Klimarisikoversicherung, die im Katastrophenfall rasch Gelder für lebensrettende Hilfe und Wiederaufbaumaßnahmen bereitstellt („Tomorrow“). Die einmalige Kombination dieser Elemente macht den Schutz von Kindern und Familien besonders effizient und nachhaltig.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist – ebenso wie die Regierung Großbritanniens mit dem Foreign, Commonwealth and Development Office (FCDO) – an der Initiative beteiligt. Durch die Unterstützung der beiden Regierungen ist die Klimarisikoversicherung für die Startphase der Today-&-Tomorrow-Initiative bereits finanziert – perspektivisch soll die Versicherung noch ausgeweitet werden. Dieser Beitrag ist Teil des „Globalen Schutzschirms gegen Klimarisiken“. Dieser wurde von der Gruppe besonders vulnerabler Entwicklungsländer V20 und den G7- Staaten ins Leben gerufen, um vulnerable Menschen und Länder finanziell gegen die Folgen von Extremwetterereignissen abzusichern.
„Zentral ist, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Menschen weltweit im Kampf gegen Armut durch Klimarisiken zu unterstützen“, sagt Heike Henn, Beauftragte für Klimapolitik und Klimafinanzierung im BMZ. „Wir können nun einmal nicht in der Zeit zurückgehen – dabei führt schon heute die Klimakrise in vielen Ländern zu hohen Schäden. Daher müssen die Industrieländer und perspektivisch auch die großen Schwellenländer arme und besonders verwundbare Länder darin unterstützen, sich an den Klimawandel anzupassen. Als internationale Gemeinschaft geht es darum, mehr Geld gerade für vulnerable Regionen zur Verfügung zu stellen und diese gegenüber Klimarisiken abzusichern. Wir müssen innovative und passgenaue Lösungen für jedes Land finden – wie mit der Today-&-Tomorrow-Initiative, in die wir als BMZ investiert haben.“
Im Katastrophenfall abgesichert
Wie funktioniert Today & Tomorrow in der Praxis? Wenn Kinder durch Naturereignisse in Not geraten, greift die parametrische Klimarisikoversicherung, die gemeinsam mit mehreren Versicherungsunternehmen abgeschlossen wurde. Auf Basis festgelegter Parameter und Schwellenwerte, etwa Windgeschwindigkeiten bei Zyklonen und deren Auswirkungen auf Kinder und Familien, erhält UNICEF Mittel, um wirksame Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen in den Gemeinden anzustoßen. Die Versicherung stellt bei Zyklonen bis zu 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung, um sofortige Hilfsmaßnahmen zu ermöglichen. Durch Katastrophenschutzpläne und vorangegangene Klimaanpassungen wird die humanitäre Hilfe zugleich effizienter.
Today & Tomorrow trägt so dazu bei, eine kritische Lücke zu schließen: In Entwicklungsländern sind bisher nur rund zehn Prozent der Schäden, die durch Naturkatastrophen entstehen, durch Versicherungen abgedeckt. Zudem ist der bestehende Versicherungsschutz nicht auf die Bedarfe betroffener Kinder und Familien ausgelegt. Und: Die Nothilfeaufrufe nach Eintreten der inzwischen so zahlreichen Naturkatastrophen sind chronisch unterfinanziert.
Vorsorge kann Leben retten
Wirbelstürme oder andere Naturkatastrophen verhindern können wir nicht. Doch Schutzmaßnahmen können die Gefährdung von Kindern verringern. Hierzu gehören zum Beispiel Investitionen in wirksame Warnsysteme und Strategien für das Katastrophenmanagement. Kinder und Familien müssen im Umgang mit Naturkatastrophen geschult werden, damit sie im Notfall wissen, wie sie sich verhalten können. Zentral sind zudem Verbesserungen der Infrastruktur, damit etwa Krankenhäuser, Schulen oder Wassersysteme vor Beschädigungen geschützt sind – so können Kinder auch im Katastrophenfall medizinisch versorgt werden und weiter lernen.
Ein Beispiel: In Gesundheitseinrichtungen in Mosambik nutzt UNICEF erneuerbare Energien und sorgt dafür, dass Wasser- und Abwassersysteme so gebaut sind, dass sie extremen Natureinwirkungen standhalten. Solarbetriebene, hoch und stabil gebaute Wasserspeicher sind sicher vor Überschwemmungen. Sauberes Wasser ist in Notsituationen überlebenswichtig, um etwa infektionsbedingte Todesfälle bei Neugeborenen zu verhindern.
In der ersten Phase profitieren acht durch Zyklone besonders gefährdete Länder von der Today-&-Tomorrow-Initiative: Bangladesch, Fidschi, Haiti, Komoren, Madagaskar, Mosambik, die Salomon-Inseln, Vanuatu. Für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und zum Ausbau einer klimaresilienten Infrastruktur benötigen die betroffenen Länder weitere Investitionen aus dem privaten Sektor.
Nachhaltig investieren
Für die „Today“-Komponente beziffert UNICEF den Finanzierungsbedarf auf 35 Millionen US-Dollar. Eine nachhaltige Investition, denn: Jeder in Klimaanpassung und Katastrophenvorsorge investierte Beitrag spart ein Vielfaches des Aufwands, der für Nothilfe und Wiederaufbau notwendig wäre.
In Mosambik und Madagaskar hat UNICEF nach dem Zyklon Freddy bereits erste Auszahlungen aus der Klimarisikoversicherung erhalten. Dank dieser Mittel waren Teams vor Ort in der Lage, Schäden und Bedarfe zügig zu ermitteln und Hilfsmaßnahmen auf nationaler und regionaler Ebene zu koordinieren. So konnten sie schnell betroffene Gemeinden und Familien mit Hilfsgütern versorgen, psychosoziale Hilfe leisten, Infrastruktur instandsetzen, Schulgebäude reparieren.
Für die Kinder und Familien in der Region bedeutet das eine unschätzbare, teils lebensnotwendige Hilfe in der Not und einen wichtigen Grundstein für den Wiederaufbau. Doch eines steht fest: Die nächste Naturkatastrophe kommt bestimmt. Wenn nicht heute, dann morgen. Mit Today & Tomorrow haben wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht. Die Initiative macht Mut, dass wir es künftig besser schaffen werden, öffentliche und private Institutionen zusammenzubringen und im Rahmen von Partnerschaften neue Wege zur Finanzierung von Klimaanpassungsmaßnahmen zu finden.




