Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), der europäische Green Deal mit seinen einzelnen Richtlinien oder auch der amerikanische Uyghur Forced Labor Prevention Act (UFLPA) sind Beispiele für politische Richtlinien, die Unternehmen in die Verantwortung nehmen, ihre Lieferketten zu überprüfen. Im kommenden Jahr werden weitere Bestimmungen erwartet, allen voran die EU-Lieferkettenrichtlinie Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), das verschärfte Pendant zum deutschen LkSG. Für Unternehmen ist daher jetzt ein guter Zeitpunkt, um die eigenen Lieferketten unter die Lupe zu nehmen. So können sie sich nicht nur optimal auf künftige gesetzliche Anforderungen vorbereiten, sondern sind auch in der Lage, ihre Nachhaltigkeitsstrategien glaubwürdig umzusetzen und die Kontinuität ihrer Geschäftstätigkeit zu sichern.
Ab dem 1. Januar 2024 gilt das deutsche LkSG auch für Unternehmen ab einer Größe von 1.000 Mitarbeitenden. Bislang war es nur für Firmen ab 3.000 Mitarbeitende verpflichtend. Mehr Firmen werden also ihre Sorgfaltspflichten ausüben und dokumentieren müssen. Dazu gehören die Feststellung einer betriebsinternen Zuständigkeit, das Einrichten eines Risikomanagements, das Durchführen regelmäßiger Risikoanalysen, die Abgabe und Veröffentlichung einer Grundsatzerklärung, die Verankerung von Präventionsmaßnahmen, das Ergreifen von Abhilfemaßnahmen, die Einrichtung von Beschwerdeverfahren und die Dokumentation und Berichterstattung über das Lieferkettenmanagement.
Offene Fragen
Bereits 2022 hat die EU-Kommission den ersten Entwurf für eine europäische Richtlinie zu Sorgfaltspflichten von Unternehmen im Hinblick auf Nachhaltigkeit vorgestellt. Die CSDDD orientiert sich am deutschen LkSG sowie am französischen Loi de Vigilance. Ihr Ziel – so steht es im Entwurf: Unternehmen sollen umfassende Verfahren einführen, um negative Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit auf die Menschenrechte und die Umwelt in ihren Wertschöpfungsketten zu mindern. Sie sollen Nachhaltigkeit in ihre Unternehmensführungs- und Managementsysteme integrieren und die Menschenrechte, das Klima und die Umwelt sowie die langfristige Widerstandsfähigkeit des Unternehmens bei Geschäftsentscheidungen berücksichtigen.
Noch sind nicht alle Details endgültig geklärt, und es besteht noch viel Diskussionspotential in der Politik. Beispielsweise könnte der Kreis der betroffenen Unternehmen auch unter die 1.000er-Marke des LkSG auf zum Beispiel 250 Mitarbeitende und 40 Millionen Euro weltweiten Nettoumsatz abgesenkt werden. Damit wären auch viele mittelständische Unternehmen in Deutschland von der CSDDD betroffen; laut Statistischem Bundesamt gehörten im Jahr 2021 rund 16.700 Unternehmen in diese Größenklasse. Viele Fragen sind jedoch weiterhin offen. Es ist davon auszugehen, dass der finale Gesetzesentwurf erst nach den Europawahlen im Mai verabschiedet wird.
Erfolgsfaktor Transparenz
Für Unternehmen, die Transparenz in ihre Lieferketten integrieren wollen, ist daher jetzt ein besonders günstiger Zeitpunkt. Um sie dabei zu unterstützen, gibt es bereits erprobte Technologien. Supply Chain Mapping ist eine davon. Mit diesem kaskadierenden Verfahren über eine Plattform können Firmen ihre Lieferketten vom Tier-1-Zulieferer bis zum Rohstoff kartieren und damit sichtbar machen. Im nächsten Schritt können die Karten mit vorhandenen, unabhängigen Daten abgeglichen und ausgewertet werden. Ein anschauliches Beispiel, wie dieses Vorgehen funktioniert, ist die EU-Entwaldungsverordnung. Sie betrifft eine breite Produktpalette, darunter Kaffee und Kakao, Palmöl, Soja, Rindfleisch, Kautschuk, Leder und Holz. Firmen können mit Hilfe der Supply Chain Maps bis auf die Ebene der landwirtschaftlichen Parzelle prüfen, ob die von ihnen verarbeiteten Rohstoffe von entwaldeten Flächen oder Flächen mit Waldschäden stammen. Eine solche Transparenz der eigenen Lieferkette stärkt die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen, indem potentielle Risiken frühzeitig erkannt und bewältigt werden können. Gleichzeitig trägt sie zur Geschäftskontinuität bei, indem sie die Einhaltung von Vorschriften vereinfacht.
Belegbare Nachhaltigkeit
Viele Unternehmen haben Nachhaltigkeit in ihre Markenstrategie integriert. Mit grünen Werbebotschaften, Green Claims oder Eco Claims heben sie die umweltfreundlichen Aspekte ihrer Produkte hervor. Mit Erfolg: GfK-Daten zeigen beispielsweise, dass im Februar 2023 bereits 71 Prozent des Smartphone-Umsatzes in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien mit Produkten mit drei oder mehr Eco Claims erzielt wurden. Dass diese Angaben nicht immer verlässlich sind und stimmen, zeigt wiederum eine Studie der Europäischen Kommission. Sie hat ergeben, dass 53 Prozent der grünen Werbeaussagen von Unternehmen auf vagen, irreführenden oder unbegründeten Informationen beruhen. Es braucht also mehr Transparenz, um die umweltbezogenen Werbeaussagen zu verifizieren. Mit der sogenannten „Green Claim Directive“ will die EU-Kommission ein solches Greenwashing bekämpfen. Die Direktive fordert, dass Unternehmen künftig nicht nur den Nachweis erbringen und entsprechende Daten liefern, sondern auch deren Verifizierung durch unabhängige Stellen sicherstellen müssen, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Wirtschaftliche Stabilität
Die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben ist aber nur eine Seite der Medaille bei der Frage, warum es für Firmen lohnenswert ist, sich mit ihren Lieferketten zu befassen. Oft zeigt die Rückverfolgung gefährliche Verflechtungen der Lieferketten und Risiken auf, die den Unternehmen vielleicht gar nicht bewusst waren. Zum Beispiel, dass alle Zulieferer, egal wo diese weltweit sitzen, ihre Rohstoffe aus einer bestimmten, möglicherweise krisengefährdeten Region beziehen. Echte Diversifizierung und damit Risikominimierung gelingt nur, wenn Lieferketten bis zum Rohstoff transparent gemacht und erst dann auf ihre vielfältige Verteilung geprüft werden. Kriege, Pandemien, Naturkatastrophen, Abhängigkeiten von korrupten politischen Systemen und weitere Faktoren stellen immer ein grundsätzliches Risiko dahingehend dar, dass Lieferengpässe entstehen, durch die Firmen, aber auch ganze Industrien oder Staaten an Geschäftskontinuität und damit an wirtschaftlicher Stabilität verlieren. Die Chipkrise ist ein Beispiel dafür, die Coronapandemie ein zweites. Echte Transparenz hilft, diese Risiken zumindest einzudämmen.




