RICARDA LANG, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Interview

Ricarda Lang wurde am 17. Januar 1994 in Filderstadt geboren. Bereits mit 18 Jahren trat Lang in die Partei Bündnis 90/Die Grünen ein. Nach dem Abitur begann sie, Rechtswissenschaften in Heidelberg und Berlin zu studieren, brach das Studium jedoch 2019 ab, um sich voll der Politik zu widmen. Während dieser Zeit war sie unter anderem von 2015 an im Bundesvorstand der Grünen Jugend, von 2017 an als Sprecherin. 2019 wurde sie stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen und zog 2021 als Abgeordnete in den Bundestag ein. Die Politikerin führte seit Februar 2022 gemeinsam mit Omid Nouripour die Partei als Bundesvorsitzende. Ende 2024 verkündete sie ihren Rücktritt. Langs politische Schwerpunkte sind soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Feminismus.

Frau Lang, Sie sind im vergangenen Jahr als Chefin der Grünen zurückgetreten. In Ihrer Abschiedsrede auf der Bundesdelegiertenkonferenz haben Sie versichert, Sie werden Ihr Leben lang politisch sein. Welche Möglichkeiten sehen Sie in dem neu gewonnenen Freiraum für Ihre politischen Ziele?

Ricarda Lang: Dadurch, dass ich ein bisschen aus dem Hamsterrad der Spitzenpolitik ausbrechen konnte, habe ich viel mehr Zeit – für Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern, aber auch für langfristige Debatten. Und die werden in der Politik gerade viel zu wenig geführt, zum Beispiel hat keine Partei eine wirklich schlüssige Antwort auf den demographischen Wandel. ich möchte meinen Teil leisten für eine Politik, die wieder stärker über Legislaturperioden hinausdenkt.

Wer an Nachhaltigkeit denkt, denkt schneller an ökologische Themen. Sie setzen sich sowohl für ökologische als auch soziale Bereiche ein. Wie wichtig ist es, eine gemeinsame Vision zu kreieren, und wie kann diese aussehen?

Ricarda Lang: Ökologie und Soziales sind für mich nicht zwei Pole, die miteinander versöhnt werden müssen. Ganz im Gegenteil, sie bedingen sich gegenseitig. Denn ökologische Krisen verschärfen bestehende soziale Schieflagen. Und gleichzeitig kann ökologische Nachhaltigkeit nur scheitern, solange sie nicht breit akzeptiert ist. Und Akzeptanz gibt es nur dann, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung überzeugt ist, dass es gerecht zugeht.

Was hat Sie persönlich motiviert, sich für soziale Nachhaltigkeit zu engagieren, und welche Erfahrungen haben Ihren Weg geprägt?

Ricarda Lang: Als ich 18 Jahre alt war, verlor meine Mutter, die als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus arbeitete, ihren Job, da dieses Frauenhaus aufgrund mangelnden Geldes schließen musste. Das fand ich zutiefst ungerecht. Und da ich Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnehmen wollte, habe ich begonnen, mich politisch zu engagieren.

In einem kürzlichen Interview in politik&kommunikation haben Sie erwähnt, wie schwierig es ist, soziale Themen in die Medienagenda zu bringen. Sehen Sie in zu wenigen öffentlichen Debatten den Grund, warum soziale Nachhaltigkeit häufig schwerer greifbar wahrgenommen wird?

Ricarda Lang: In den letzten Jahren hat das Vertrauen in die Politik bei sozialen Themen massiv abgenommen, ehrlicherweise auch weil es zum Beispiel bei bezahlbaren Mieten große Versprechungen, aber kaum Verbesserungen gab. Das hat es denen leicht gemacht, die soziale Fragen in Konflikte zwischen außen und innen und arm versus ärmer umzudeuten. Dem kommen wir aber nicht nur mit moralischer Empörung und auch nicht mit diskursiven Verschiebungen bei, sondern nur, indem wir durch aktives Tun Vertrauen zurückgewinnen.

Wie können Unternehmen aktiv zur Förderung sozialer Nachhaltigkeit beitragen, und in welchen Aspekten sehen Sie besondere Handlungsverantwortung der Wirtschaft?

Ricarda Lang: Zunächst einmal haben Unternehmen natürlich bei den Löhnen den unmittelbarsten Einfluss auf die soziale Situation ihrer Mitarbeiter. Gute Löhne sind eine zentrale Voraussetzung für Binnennachfrage und sozialen Frieden. Darüber hinaus ist das Thema Vereinbarkeit, nicht nur, aber gerade für Frauen, zentral. Hier sollten Unternehmen zum Beispiel durch Betriebskitas oder flexiblere Arbeitszeiten eine stärkere Verantwortung übernehmen.

Welche Maßnahmen müssen umgesetzt, welche Grundlagen politisch geschaffen werden, um die unternehmerische Verantwortung zu unterstützen, und wie können Unternehmen und Politik gemeinsam an einem Strang ziehen, um soziale Nachhaltigkeit zu fördern?

Ricarda Lang: Oft werden Maßnahmen zur Stärkung sozialer Nachhaltigkeit in einem Wust aus Bürokratie als zusätzliche Belastung wahrgenommen. Wenn wir hohe Standards an bestimmten Stellen wie sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit wollen, müssen wir gleichzeitig an anderen Stellen entrümpeln und unnötige Bürokratie abbauen. Außerdem sollte der Austausch zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Politik noch deutlich gestärkt werden.

In der aktuellen politischen Diskussion wird oft über die Notwendigkeit sozialer Innovation gesprochen. Welche Ansätze halten Sie für besonders vielversprechend?

Ricarda Lang: Wir sollten unternehmerische Kreativität noch viel stärker nutzen, um soziale Herausforderungen zu lösen. Deshalb wollen wir Sozialunternehmen stärker fördern und in politische Prozesse einbeziehen. Die Koordination von sozialem Unternehmertum, die während der Ampel geschaffen wurde, sollte deshalb von der nächsten Regierung weitergeführt werden.

In einer Zeit gesellschaftlicher und politischer Krisen kann Nachhaltigkeitsengagement in den Hintergrund rücken, die Motivation verloren gehen. Welche Einstellung wünschen Sie sich in Bezug auf soziale Nachhaltigkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

Ricarda Lang: Es gibt in der Politik den berühmten Spruch „There is no glory in prevention“. Doch genau diese Denke hat viele unserer heutigen Krisen erst ermöglicht. Gerade in einer alternden Gesellschaft dürfen wir uns nicht dem Prinzip Nach mir die Sintflut hingeben. Denn wir tragen Verantwortung für die Gegenwart, aber auch für die Zukunft. Und langsames Handeln im Hier und Heute bedeutet meistens deutlich härtere Einschnitte in der Zukunft. Für mich gilt deshalb: „Dont forget the important over the urgent.“ Die Fragen stellte Maike Weismantel.

Die Fragen stellte Maike Weismantel.

Aktuelle Beiträge