Georg Falterbaum ist seit April 2021 Vorstandsmitglied des SOS-Kinderdorf e.V. und verantwortet die Geschäftsbereiche Personal, Marketing, Kommunikation sowie Digitalisierung. Nach leitenden Funktionen in der Privatwirtschaft wechselte der Diplom-Kaufmann in die Sozialwirtschaft und sammelte dort über 15 Jahre Erfahrungen, unter anderem als Vorstandsvorsitzender des Caritasverbands Rhein-Erft-Kreis und später des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising.
V Welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Hindernisse für Jugendliche bei der Integration in den Arbeitsmarkt?
Der Schritt in die Ausbildung ist für viele junge Menschen heute nicht mehr selbstverständlich. Aktuellen Studien zufolge hat jeder siebte junge Erwachsene in Deutschland keinen Berufsabschluss. Das ist nicht nur für die jungen Menschen fatal, sondern auch für die Volkswirtschaft, denn Betriebe können ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen und Fachkräfte werden künftig fehlen. Die Hindernisse sind vielfältig. Stellen mit mittlerem Qualifikationsniveau gehen verloren, Arbeitsplätze mit sehr hohem oder sehr niedrigem Anforderungsprofil entstehen vermehrt. Mit der Digitalisierung und dem Umbruch in der Arbeitswelt sind zunehmend auch Kompetenzen gefragt, die in der Schule nicht ausreichend berücksichtigt werden – zum einen technisches Verständnis, Kreativität und Prozessdenken, zum anderen soziale Kompetenzen wie Kommunikations-, Team- oder Kritikfähigkeit. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, hier Unterstützung zu leisten, damit junge Menschen in den Beruf finden.
V SOS-Kinderdorf begleitet junge Menschen auf dem Weg ins Berufsleben. Wie sieht das konkret aus?
Unsere Angebote richten sich an Schüler, an Auszubildende, aber auch an Jugendliche ohne Schulabschluss. Die von uns Betreuten brauchen häufig mehr Unterstützung als andere. Oft fängt es damit an, dass ihnen bestimmte Schlüsselkompetenzen fehlen, dass sie lernen müssen, eine Tagesstruktur zu finden, soziale Kompetenzen aufzubauen oder förderliche Kontakte zu knüpfen. Nicht selten war ihr bisheriger Bildungsweg von Misserfolgen geprägt. Dann muss ihr Selbstvertrauen gestärkt, ihr Mut geweckt werden. Denn ohne Abschluss haben sie kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. In unseren Programmen, zum Beispiel im SOS-Kinderdorf Sauerland, erfahren Kinder und Jugendliche mit frustrierenden Schulerfahrungen wieder Freude am Lernen. Damit sie nach bestandenem Abschluss den Einstieg ins Berufsleben finden, sind berufsvorbereitende Maßnahmen erforderlich. Wir haben an vielen Standorten Angebote zur beruflichen Orientierung, Vorbereitung, Qualifizierung und Ausbildung. Beispielweise in Berlin, in Lippe, am Niederrhein, an der Saar oder in Nürnberg unterstützen wir junge Menschen bei der Suche nach Praktikums- und Ausbildungsplätzen, bei Bewerbungsscheiben und später mit Tipps und konkreter Hilfestellung im Ausbildungsalltag. In unseren SOS-Berufsausbildungszentren bilden wir auch selbst junge Erwachsene aus, die auf dem Ausbildungsmarkt kaum eine Chance haben, zum Beispiel im Metall- und Holzhandwerk, im Garten- und Landschaftsbau, in der Pflege, im Gastgewerbe oder im kaufmännischen Bereich. Nicht zuletzt bilden wir auch unsere eigenen Mitarbeitenden aus, zum Beispiel Erziehende für unsere Kitas.
V Sie arbeiten hier auch mit Unternehmen zusammen. Wie sieht das in der Praxis aus?
Diese Zusammenarbeit gibt es sowohl auf lokaler Ebene als auch überregional. Im Rahmen der berufsbezogenen Angebote kooperieren wir mit umliegenden Unternehmen jeder Größe. Über Praktika in den SOS-Berufsausbildungszentren oder in ansässigen Betrieben können sich junge Menschen orientieren, und beide Seiten können herausfinden, ob eine Ausbildung erfolgsversprechend ist. Im sogenannten „dualen System“ erfolgt der praktische Teil in unseren Werkstätten oder in einem kooperierenden Betrieb. Begleitend bieten wir sozialpädagogische Betreuung sowie Stütz- und Förderunterricht an. So setzt sich beispielsweise die Hotelkette Marriott International seit über zehn Jahren für SOS-Kinderdorf ein und bietet neben anderen Hilfen unseren Jugendlichen auch Praktika und Ausbildungsplätze an. Ein Beispiel aus der vielfältigen Zusammenarbeit mit Microsoft Deutschland ist die Initiative #BoostYourSkills, bei der sich das Unternehmen und die DHL Group gemeinsam mit Partnern dafür einsetzen, die Berufseinstiegschancen junger Menschen zu erhöhen. Unter anderem entdecken die Jugendlichen über Trainings, Workshops oder Zertifizierungen ihre Stärken und entwickeln digitale Kompetenzen. MAN Truck & Bus unterstützt unsere Arbeit in nationalen, aber auch in internationalen Projekten. Der Maschinenbaukonzern förderte zum Beispiel in den letzten 15 Jahren das Berufsausbildungszentrum Kality in Äthiopien sowohl finanziell als auch mit Sachspenden und Know-how. Dank MAN konnten Dutzende Absolventen als Automobilmechaniker ins Berufsleben starten und ihre Existenz sichern.
V Welche Auswirkungen hat der Arbeits- und Fachkräftemangel auf eine Hilfsorganisation?
Als Träger der Kinder- und Jugendhilfe stehen wir vor einer besonderen Herausforderung. Ein großer Teil unserer Unterstützung ist präventiv. Familien brauchen Unterstützung, um erst gar nicht in ausweglose Situationen zu geraten. Fehlen in der Kinderund Jugendhilfe und in der Familienberatung Fachkräfte, hat dies langfristige negative Folgen. Wir wollen und müssen vermeiden, dass Eltern überfordert und ihre Kinder in die Obhut anderer gegeben werden und dass junge Menschen ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden. Dafür brauchen wir ausreichendes qualifiziertes Personal. Für uns als Arbeitgeber ist das eine Herausforderung, weil wir neben der fachlichen Qualifikation auch darauf achten, dass unsere Arbeitnehmenden und Auszubildenden unsere Werte teilen und Empathie mitbringen. Dass es uns trotz der schwierigen Rahmenbedingungen meistens doch gelingt, geeignete Arbeits- und Fachkräfte zu gewinnen, führen wir auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen bieten wir Tätigkeiten mit einer hohen Sinnerfüllung. Zum anderen haben wir motivierte Teams, die ihre Arbeit vor Ort in großer Autonomie gestalten können. Wir können mit Stolz sagen, dass die Anzahl langjähriger engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen Bereichen des Vereins sehr hoch ist.
V Müssen Arbeitgeber in Deutschland umdenken, um Arbeits- und Fachkräfte zu gewinnen und zu halten?
In vielen Branchen und Berufsfeldern erleben wir den Wandel von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt, bei dem Unternehmen um Arbeits- und Fachkräfte werben müssen. Angesichts des demographischen Wandels ist es wichtig, alle Potentiale zu nutzen und neue zu entwickeln. Unternehmen sollten in bestehende Mitarbeitende investieren, sie qualifizieren und weiterentwickeln, damit sie ihnen bis zum Rentenalter als Arbeitskräfte erhalten bleiben. Ich denke auch an ein Beispiel aus unserer Praxis: Im SOS-Kinderdorf Düsseldorf haben wir in den Jahren 2015 und 2016 rund 50 minderjährige Geflüchtete aufgenommen, vornehmlich aus Syrien und aus Afghanistan. Fast alle haben heute einen qualifizierten Schulabschluss. Rund ein Dutzend machten das Abitur, studieren gerade oder haben ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Andere absolvierten Ausbildungen zum Bäcker, zum Polizisten, in Lager und Logistik, im Garten- und Landschaftsbau oder gingen direkt in den Beruf, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Das alles auch mit Hilfe ansässiger Unternehmen. Unternehmen, die zukunftsorientiert denken, soziale Verantwortung übernehmen und bereit sind, bestehende und potentielle Mitarbeitende zu stärken und in sie zu investieren, haben auf dem Arbeitsmarkt schlicht die besseren Karten.
Die Fragen stellte Gabriele Kalt.




