Unternehmen sind nur stark, wenn sie die Potentiale aller gesellschaftlichen Gruppen heben – sagt Bundesfamilienministerin Lisa Paus

Lisa Paus (55) ist seit dem 25. April 2022 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie gehört seit dem Jahr 2009 für Bündnis 90/Die Grünen dem Deutschen Bundestag an. Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin hat Paus als Diplom-Volkswirtin abgeschlossen.

In welchen Bereichen Ihrer Aufgabe als Ministerin gibt es besonders viele Berührungspunkte mit der deutschen Wirtschaft?

Wenn ich mit Männern und Frauen von der Spitze von Unternehmen spreche, landen wir immer häufiger recht schnell beim Thema Gleichstellung. Viele sehen das Potential, wenn sie Frauen für sich gewinnen und fördern. Deshalb arbeitet mein Haus intensiv mit Unternehmen und Wirtschaftsverbänden zusammen. Da geht es um Vereinbarkeit mit Familien- und Pflegeaufgaben, klischeefreie Berufsorientierung, Strategien gegen Sexismus oder die Förderung von Gründerinnen. Der Arbeits- und Fachkräftemangel fordert die Unternehmen schon jetzt heraus und wird in den nächsten Jahren zunehmen. Viele Frauen arbeiten zwar, aber nicht so oder so viel, wie sie möchten. Deswegen setze ich mich ein für eine bessere Situation von Frauen im Beruf, als Führungskräfte, als Selbständige oder Existenzgründerinnen.

Und auch die Wünsche der Männer, der Väter, spielen eine stärkere Rolle als bisher. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind für sie mitunter ausschlaggebend dafür, ob sie einen Job annehmen oder wechseln. Rund 450.000 Väter in Deutschland haben schon einmal den Arbeitgeber zugunsten einer besseren Vereinbarkeit gewechselt, mehr als 1,7 Millionen denken manchmal oder häufig darüber nach. Ein Beispiel: Für die ersten Tage nach Geburt eines Kindes genehmigen viele Unternehmen Vätern schon heute Sonderurlaub, in der Regel zwei Tage. Ich möchte, dass zukünftig alle Väter beziehungsweise Partner*innen die ersten zehn Arbeitstage nach der Geburt bei vollem Lohnausgleich für Mutter und Kind da sein können. Diese „Familienstartzeit“ soll von Beginn an einen Impuls zur partnerschaftlichen Aufgabenteilung setzen. Das hilft Frauen, schneller wieder ins Arbeitsleben zu starten. Eine Allensbach-Umfrage hat kürzlich gezeigt, dass fast die Hälfte der Unternehmen die Familienstartzeit als eine gute Sache empfindet, mehr als die Hälfte der Unternehmen schätzt den Nutzen der Familienstartzeit als eine große Hilfe ein. Gleichzeitig sind die Kosten überschaubar. Das Fraunhofer-Institut hat für uns modellhaft berechnet, dass diese für ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitenden bei einem relevanten Durchschnittslohn von 3.700 Euro brutto bei 208 Euro mehr monatlich liegen. Bei zehn Mitarbeitenden sind es 10,40 Euro, jeweils für den ganzen Betrieb.

Klar ist aber: Ein staatlicher Rahmen allein reicht nicht, es braucht auch das Engagement und Interesse der Unternehmen. Denn eine familienfreundliche Personalpolitik trägt zum wirtschaftlichen Erfolg bei und macht Deutschland als Wirtschaftsstandort attraktiv.

Was zeichnet für Sie ein soziales und erfolgreiches Unternehmen heutzutage aus?

Es ist nicht neu: Soziale Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg sind zwei Seiten derselben Medaille. Divers aufgestellte Unternehmen, für die Frauen in Führungspositionen selbstverständlich sind, die beispielsweise gendersensible und vielfältige Unternehmenskulturen pflegen und fair bezahlen, sind nachweislich wettbewerbsfähiger. Sie sind widerstandsfähiger, weil sie das Potential ihrer Beschäftigten besser ausschöpfen. Sie haben es leichter, sich ein modernes, attraktives Image zu geben, weil viele daran mitwirken. Das macht sie für Kunden wie für Nachwuchskräfte interessant.

Fachkräftesicherung ist heute zentral für jedes Unternehmen und das Wirtschaftswachstum insgesamt. Wenn Firmen zeigen wollen, dass sie sich mit ihrer Unternehmenskultur auseinandersetzen, dann ist vielleicht unser Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“ interessant. Seit Gründung haben sich dort mehr als 500 Bündnispartner*innen angeschlossen. Das Bündnis berät und unterstützt dabei, ein gendersensibles, attraktives Arbeitsklima zu schaffen. Wir freuen uns über jedes neue Mitglied!

Wo steht die deutsche Wirtschaft im Prozess der Gleichstellung der Geschlechter?

Politik und Wirtschaft haben in den vergangenen Jahren einiges erreicht. Aber es gibt drei große Herausforderungen: Frauen sollten die Möglichkeit bekommen, mehr zu arbeiten, wenn sie das wollen. Zwar haben Frauen in Deutschland insgesamt eine der höchsten Erwerbsquoten in Europa. Aber trotzdem sind die Arbeitsstunden pro Frau immer weiter zurückgegangen. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit, viele von ihnen mit weniger als 20 Wochenstunden. Dabei liegt das größte inländische Potential qualifizierter Arbeitskräfte bei den Frauen. Die derzeitige Teilzeitfalle führt aber zu niedrigen Einkommen, schlechteren Karrierechancen und geringen Rentenansprüchen und geht zu Lasten ihrer finanziellen Absicherung. Dann ist da die Entgeltgleichheit. Das Entgeltgleichheitsgebot gilt seit über 60 Jahren! Trotzdem verdienen Frauen weniger als Männer – und zwar 18 Prozent brutto pro Stunde. Im europäischen Vergleich sind wir damit ganz weit hinten. Und schließlich braucht es mehr Frauen in Führungspositionen. Ihr Anteil in Aufsichtsräten und Vorständen ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen. Die Führungspositionen-Gesetze haben hier etwas in Gang gebracht, immer mehr Aufsichtsräte erfüllen die gesetzliche Quote. Das freut mich, aber am Ziel sind wir noch lange nicht. Und als Höchstgrenze sollten diese Regelungen nicht missverstanden werden!

Viele Unternehmen schreiben sich Diversität und Inklusion auf die Fahne. Wie sehr wird die Vielfalt in den Unternehmen in Deutschland wirklich gelebt?

Wirtschaftspolitik ist nur gut und Unternehmen sind nur stark, wenn sie die Potentiale aller gesellschaftlichen Gruppen heben. Und wenn sie gegen Zustände vorgehen, die Vielfalt und echte Inklusion verhindern. Viele Unternehmen haben das längst erkannt. Ich erlebe Firmenleitungen, die sehr daran interessiert sind, Frauen mit Migrationshintergrund eine berufliche Perspektive zu geben, im IT-Bereich etwa. Diversität sehen auch Investor*innen als zunehmend wichtiges Kriterium – insbesondere die Geschlechtervielfalt. Der Druck kommt also nicht nur von der Politik oder der Gesellschaft, sondern auch von den Geldgeber*innen selbst.

Ihr Ministerium gibt alle drei bis vier Jahre einen „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit“ heraus. Darin wird deutlich, dass die Wahrnehmungen von Personalverantwortlichen und Beschäftigten weiterhin unterschiedlich ausfallen. Wie sehen Sie die aktuelle Lage, und wie könnten Unternehmen in Richtung mehr Familienfreundlichkeit unterstützt werden?

Die deutsche Wirtschaft ist in Sachen Familienfreundlichkeit auf einem guten Weg. Laut Monitor halten rund 86 Prozent der Unternehmen familienfreundliche Maßnahmen für bedeutsam. Das ist ein deutlicher Anstieg seit 2015. Was mich besonders freut: Auch für Väter ist die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich gestiegen. Nicht zuletzt durch die Coronapandemie haben Arbeitgeber verstanden, dass auch Männer für ihre Familien da sein wollen. Und der Fachkräftemangel lehrt derzeit alle: In familienfreundlichen Unternehmen sind die Fluktuation und der Wunsch, den Arbeitgeber zu wechseln, deutlich geringer. Aber das reicht natürlich noch lange nicht aus. Auch heute sind die Bedingungen für arbeitende Eltern alles andere als leicht, denn sie sind auf eine gute und zuverlässige Betreuung ihrer Kinder angewiesen, obwohl vielerorts ein eklatanter Fachkräftemangel in der Kinderbetreuung herrscht. Viel zu oft müssen sie sich zerreißen zwischen beruflichen Anforderungen und unbezahlter Sorgearbeit und sind dabei darauf angewiesen, dass Führungskräfte diese Herausforderung erkennen und die Arbeitnehmer*innen unterstützen. Und auch die Aufstiegschancen von Beschäftigten mit und ohne Familienverantwortung sind noch nicht ausgeglichen. Mit unserem Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ unterstützen wir insbesondere kleine und mittlere Unternehmen dabei, familienfreundliche Personalpolitik zu machen. Rund 8.700 Unternehmen sind Mitglied im zugehörigen Netzwerk bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer und lernen voneinander. Ich lade alle Unternehmen in Deutschland ein, mitzumachen!

In welchen Bereichen würden Sie sich zum Wohle der Gesellschaft mehr Engagement von Unternehmen wünschen?

Ich wünsche mir mehr Einsatz bei der Entgeltgleichheit von Männern und Frauen. Dass Frauen im Durchschnitt 18 Prozent brutto in der Stunde weniger verdienen als Männer, hat viele Gründe: Da sind die Tätigkeitsbewertungen, die fehlenden Aufstiegschancen, die häufige geringfügige Beschäftigung oder fehlende Tarifbindung. Unternehmen können auf vielen Wegen zur fairen und transparenten Entlohnung kommen. Da braucht es auch Vorbilder: Unternehmen etwa, die über ihren Weg dahin und die gute Wirkung berichten und Modell sind für andere. Als Bundesregierung wollen wir Beschäftigte dabei unterstützen, ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit künftig besser durchzusetzen. Wir arbeiten an einer Reform des Entgelttransparenzgesetzes. Außerdem muss das Thema Vereinbarkeit auch von Betrieben mehr mitgedacht werden. In diesem Kontext sind Kitas ganz entscheidend für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft. Ich sehe daher Unternehmen in der Pflicht, zu prüfen, inwiefern sie beispielsweise Betriebskitas einrichten könnten, insbesondere bei Schichtbetrieb.

Wenn Sie eine „Carte blanche“ für eine Maßnahme hätten – was würden Sie tun, um soziale Themen noch mehr in die Unternehmen zu bringen?

Eine Maßnahme ist definitiv zu wenig, denn soziale Themen betreffen alle gesellschaftlichen Gruppen. Aber exemplarisch möchte ich auf die Corporate Sustainability Reporting Directive, kurz CSRD, verweisen. Durch diese EU-Richtlinie, die am 5. Januar 2023 in Kraft getreten ist, werden mehr Unternehmen rechtlich dazu verpflichtet, anhand verbindlicher Standards über Nachhaltigkeitsaspekte in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung Bericht zu erstatten. Ich wünsche mir, dass neben den klassischen Nachhaltigkeitsindikatoren in Zukunft auch Kriterien wie Vielfalt, Gleichstellung oder Vereinbarkeit in Unternehmen deutlich besser gemessen, offengelegt und perspektivisch integriert werden. Neben der unternehmenspolitischen ist es auch eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit. Gleichstellung, Diversität und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind nicht nur soziale Themen, sondern bringen harte betriebswirtschaftliche Vorteile. Mein Wunsch ist es, dass Unternehmen soziale Themen nicht als Last, sondern vor allem als langfristige Chance begreifen.

Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.

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