Kim Bui, 34, kann auf die längste Karriere im deutschen Frauenturnen zurückblicken: In den 29 Jahren ihrer aktiven Zeit hat sie unter anderem dreimal an Olympischen Spielen teilgenommen, achtmal an Weltmeisterschaften, zwölfmal an Europameisterschaften. Die 11-fache Deutsche Meisterin hat im Herbst 2022 ihre Karriere beendet. Kim Bui war 14 Jahre lang Aktivensprecherin Gerätturnen Frauen und Mitglied des Lenkungsstabs Gerätturnen Frauen im Deutschen Turner-Bund (DTB) und sieben Jahre Gesamtaktivensprecherin aller olympischen Disziplinen im DTB. Parallel zur Turnkarriere hat sie ihren Master in Technischer Biologie abgeschlossen und macht jetzt eine Ausbildung zum Systemischen Coach an der Coaching-Akademie Stuttgart.
V Als Athletensprecherin des Deutschen Turner-Bundes haben Sie viele Jahre Verantwortung übernommen und knapp 300 Athletinnen und Athleten vertreten. Welche Motivation stand dahinter?
Vor den Olympischen Spielen in Peking 2008, habe ich es leider in der finalen Nominierungsphase nicht in das Team geschafft. Ich durfte nur als Ersatzturnerin teilnehmen, obwohl ich bei den Deutschen Meisterschaften zuvor den Titel am Sprung geholt hatte und am Barren Deutsche Vizemeisterin wurde. Den Prozess der Nominierung konnte ich damals nicht nachvollziehen, hatte aber natürlich als junge Turnerin auch nicht alle Einblicke. Daher hatte ich für das Amt kandidiert und bin 2009 zur Athletensprecherin gewählt worden. Ich war unter anderem im Lenkungsstab für das Turnen der Frauen und konnte dann schon bei vielem mitwirken – zum Beispiel auch bei den Nominierungen für Wettkämpfe. Hier habe ich mich unter anderem dafür eingesetzt, dass die Kriterien präzisiert werden, damit es nicht zu Ungerechtigkeiten kommt. Außerdem haben wir in diesem Gremium über Kadernominierungen und Turnierbeschickungen entschieden. Mit dem Stimmrecht, das ich hier hatte – ich habe diese Position seit den Neuwahlen Anfang 2022 nicht mehr inne –, konnte ich etwas bewegen. 2016 bin ich zusätzlich noch zur Gesamtaktivensprecherin des Verbandes gewählt worden. Hier vertritt man die olympischen Disziplinen Turnen, Trampolin und Rhythmische Sportgymnastik.
Ich bin auch deshalb über so viele Jahre dabeigeblieben, weil man zum einen zumindest etwas bewirken kann und es zum anderen natürlich auch interessant ist, einen Einblick in dieses System zu bekommen.
V Mehr als zwanzig Jahre Leistungssport, währenddessen das Abitur und das Studium erfolgreich absolviert – Sie sind es offenbar gewohnt, diszipliniert zu arbeiten und auch zu kämpfen.
Ja, das Studium war meinem Vater sehr wichtig. Er hat mich sehr geprägt, aber ich bin auch stark von der asiatischen Kultur geprägt: Fleiß, Disziplin, Ordnung und Respekt sind in meiner Erziehung wesentliche Werte gewesen. Meine Eltern sind Kriegsflüchtlinge, die mit nichts nach Deutschland gekommen sind, als sie 17 beziehungsweise 18 Jahre alt waren. Sie haben erst mal die Sprache gelernt, Abitur gemacht, meine Mutter hat eine Ausbildung abgeschlossen und mein Vater hat studiert. Für beide war es sehr wichtig, dass ich neben dem Turnen eine gute Ausbildung erhalte und ein Studium absolviere, damit ich später einen guten Beruf ergreifen kann. Ich habe versucht, dem gerecht zu werden. Und das ist wahnsinnig schwer gewesen.
V Das beschreiben Sie auch in Ihrer jetzt erschienenen Biographie „45 Sekunden: Meine Leidenschaft fürs Turnen – und warum es nicht alles im Leben ist“. Wie haben Sie die negativen Erlebnisse verarbeitet?
Inzwischen habe ich mit einer Coach sehr viel aufgearbeitet. Tiefen, Tränen, Entbehrungen, Verletzungen und Erkrankungen. In meinem Buch setze ich mich – gerade auch als ehemalige Athletensprecherin – auch kritisch mit den Schattenseiten des gesamten Turnsports und hochsensiblen Themen wie Sexualisierung, Essstörungen, seelischer Missbrauch und Zukunftsängsten auseinander. Ich möchte damit an die Gesellschaft appellieren. Sportliche Leistungen müssen auch dann wertgeschätzt werden, wenn keine Medaillen errungen werden.
V Sollten wir uns damit abfinden, für einen humaneren Spitzensport international weniger erfolgreich zu sein?
Das ist schwierig, denn wir wollen ja Erfolge und Leistungen sehen. Wir sind nun mal eine Leistungsgesellschaft. Nicht von ungefähr kommen Schlagzeilen wie „Nun ist Deutschland im Medaillenspiegel abgerutscht“. Eine Boulevardzeitung rechnete einmal die Zahl der Medaillen mit dem Geld für Sportler gegen und fragte, ob es das wert sei. Diese geringe Wertschätzung ist auch ein Grund, warum ich mich entschlossen habe, das Buch zu schreiben: Der Spitzensport sollte wertgeschätzt werden. Jedes Unternehmen möchte sich mit einem Olympiateilnehmer brüsten, ist aber nicht bereit, dafür zu zahlen. Und trotz dieses Fokus auf Leistung darf die Humanität nicht verlorengehen. Die Grenzen sind sicherlich für jeden Einzelnen unterschiedlich. Aber die Sensibilität sollte hoch sein, schließlich haben wir es im Turnsport mit ganz jungen Menschen zu tun. Es ist wichtig, dass die Trainer da geschult sind, dass sie erkennen, wann ihr Schützling sich nicht mehr wohlfühlt, psychischen Druck als Belastung oder sogar als psychische Gewalt empfindet. Das nämlich kann schon der Fall sein, wenn der Trainer beim Mittagessen mit abwertendem Blick auf den Teller seines Schützlings schaut und ihm damit suggeriert, dass er weniger oder etwas anderes essen sollte. Manch einer mag damit auch in jungen Jahren zurechtkommen, aber ich gehöre zu denen – und die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch, man sagt, in ästhetischen Sportarten seien 42 Prozent davon betroffen –, die der psychische Druck in eine Essstörung getrieben hat. Hier überschreiten die Verantwortlichen im Leistungssport eindeutig Grenzen und schaden ihren Schützlingen.
Daran muss im Spitzensport gearbeitet werden. Zum Beispiel, indem ein fundiertes Coaching in Sachen Essen stattfindet. So nach und nach halten solche Elemente inzwischen Einzug. Die Sportlerinnen und Sportler können so in jungen Jahren lernen, dass man mit dem eigenen Körpernachhaltig umgehen muss. Dabei ist es gar nicht nötig, sich permanent zu zügeln, vielmehr muss man das Gesamtbild betrachten. Solange alles in Maßen gegessen wird, ist es auch für einen Spitzensportler mal legitim, eine Banane mit Nussnougatcreme zu essen.
Wichtig ist, dass man weiß, man ist nicht allein mit der Thematik, mit dem psychischen Druck. Das war auch der Auslöser, warum ich im Buch das Thema Bulimie aufgegriffen habe. Wenn ich nur einem Menschen damit helfen kann, dann war es das wert.
V Auch sexualisierte Gewalt ist im Turnen leider immer noch ein Thema. Sind die Maßnahmen der Verbände hier ausreichend?
Ich war im Januar auf der Kinderschutz-Sport-Konferenz, und da wurde klar, dass wir hier noch etwas tun können, um Kinder und junge Erwachsene zu schützen. Oftmals ist die eben angesprochene psychische Gewalt schon die Vorstufe für sexualisierte Gewalt. Das Ziel solcher Angriffe ist ja, den anderen Menschen klein zu halten, so dass man sich an ihm vergehen kann.
V Was muss sich noch ändern im deutschen Spitzensport?
Vieles! Ein Beispiel: In Stuttgart sind die Leichtathletikhalle und die Turnhalle Tür an Tür. Vernetzung wäre gut, denn die Leichtathleten können in ihren Trainingsmethoden von den Turnern profitieren und umgekehrt.
V Nach Abschluss des Studiums haben Sie sich entschieden, noch eine Ausbildung zum Systemischen Coach zu machen. Auf welche Themen sollten Unternehmen einen Schwerpunkt legen?
Teamentwicklung und Teamführung wären Schwerpunkte, die ich gerne sehen möchte. Das sind Themen, die ich selbst im Turnsport durchlebt habe. Zum Beispiel das Konkurrenzdenken als Kämpfer in einer Einzelsportart und gleichzeitig das Gemeinschaftsdenken als Mitglied einer Mannschaft. So einer Situation stehen auch Führungskräfte häufig gegenüber. Die Mitarbeiter wollen sich einzeln profilieren, das Unternehmen muss aber auch als Ganzes erfolgreich sein. Wichtig ist zum Beispiel, dass man sich auf das Positive im Teamgefüge konzentriert. Das hat bei den Europameisterschaften 2022 für unser Team zu großem Erfolg geführt, und ich glaube, das lag vor allem an der positiven Formulierung unseres Cheftrainers: „Konzentriert euch auf das Team. Wenn das Team erfolgreich ist, profitiert jeder Einzelne von euch“. Dazu war ein Perspektivwechsel nötig, und der wiederum hatte eine nachhaltige Veränderung zur Folge. Und das gilt genauso für Unternehmen: Es ist kein Gegeneinander – im Team profitiert auch jeder Einzelne. Ein weiteres Thema ist, die Hilfe von Experten in Anspruch zu nehmen. Auch hier kann ich meine Erfahrungen aus dem Sport einbringen. Die Trainer denken in der Regel, sie sind für alles verantwortlich. Die Erfahrung zeigt aber, wenn man sich ein gutes Team aufbaut, kann man voneinander profitieren.
Was immer für Firmen wichtig ist: Wie geht man mit Niederlagen um, wie mit Tiefschlägen? Das kann jeder Leistungssportler gut erzählen. Und schließlich liegt mir das Thema Female Empowerment am Herzen. Frauen sollten sich engagieren, sie dürfen sich solidarisieren. Dann kämpft man nicht so allein.
V Bei den Europameisterschaften in Basel traten Sie im langen Anzug an. Welches Zeichen wollten Sie damit setzen, und was hat das bewirkt?
Uns ging es um die Selbstbestimmtheit und nicht um Sexismus, wie fälschlicherweise häufig berichtet. Diese langen Anzüge sind durchaus erlaubt und nicht gegen die Regeln. Wir haben also keine Revolution gestartet. Unsere Botschaft sollte sein: Wenn man sich darin wohler fühlt, dann sollte man den langen Anzug anziehen. Es soll am Ende die Leistung benotet werden. Zwar haben wir viel Zuspruch von den anderen Nationen dafür bekommen, aber wir Deutschen sind immer noch die Einzigen, die langbeinig turnen. Es ist schon interessant, dass noch keiner nachgezogen hat.
V Welche Rolle spielte für Sie die Förderung durch die Deutsche Sporthilfe?
Die drei größten Unterstützer: Mama, Papa und die Sporthilfe. Ich habe eine Sportart betrieben, in der nicht besonders viel abfällt. Ich habe lange zu Hause gewohnt, Mama hat schön gekocht, und ich konnte ein wenig sparen. Umso dankbarer bin ich, dass es die Sporthilfe gibt und die Förderung immer weiter ausgebaut wurde. Für mich war die Sporthilfe die größte Zuwendung. Bei der Sporthilfe wird man gefördert, solange man im Kader ist. Darüber hinaus habe ich während des Studiums dann auch das Deutsche-Bank-Sportstipendium bekommen.
Ich bin dankbar, dass es so viele Förderprogramme und Partnerprogramme der Sporthilfe gibt – zum Beispiel mit Herstellern von Kontaktlinsen oder auch Bandagen. Als große Wertschätzung habe ich auch die Veranstaltungen empfunden, auf denen man sich mit anderen Sportlern vernetzen konnte. Gewinnt man eine Medaille, wird man zum Beispiel auch zum Ball des Sports eingeladen – eine große Ehre.
V Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft?
Ich wünsche mir, meinen Teil dazu beizutragen, dass wir in einer besseren Welt leben. Wenn jeder mehr Selbstreflexion betreiben würde, dann würden wir in einer besseren Welt leben. Wir sind oft selbst nicht mit uns im Reinen. Ausgehend von der eigenen Arbeit an sich selbst können wir aber zu einem besseren Miteinander kommen.
Die Fragen stellte Gabriele Kalt.




